Cover der Wurst- und Durstgeschichte „Der Hanswurst und der Fliegende Mexikaner“ mit Hanswurst, Hape und Brezel-Peter vor einem Kiosk mit Bier und roten Schnapsgläsern

Ein Kiosktest, reichlich Bier und die Spezialmischung vom Murat aus Tomate, Chili, Schnaps und einer eher zweifelhaften Geheimzutat: der Hanswurst, der Hape und der Brezel-Peter ziehen los, um die besten Kioske der Stadt zu finden. Erwartbar endet die Feldforschung nicht ganz wissenschaftlich.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Eric Pardey
Plus Bonus-Song: Fliegender Mexikaner

Worum geht’s?

Was als harmloser Kiosktest beginnt, wird nach mehreren „Fliegenden Mexikanern“ und weiteren Stationen zunehmend unübersichtlich. Als schließlich das Ordnungsamt auftaucht, eskaliert die Nacht endgültig: Taser, Tumult, Flucht. Der Hanswurst wacht am nächsten Morgen allein auf einer Parkbank auf. Forschungsergebnis: nicht belastbar.

Die Geschichte lesen

Ich, der Hanswurst, und der Hape haben was angestellt. Oder ausgefressen. Aber erst einmal tanken wir viel. Also in uns hinein. Bier, Wein, Schnaps. Und Dope. Das nicht getankt, aber geraucht. Vielleicht. Normale Menschen wären bei den Mengen vermutlich tot oder wenigstens einfach umgefallen und für lange Zeit nicht mehr aufgestanden. Wir zwei Deppen fühlen uns aber unbesiegbar. Zumindest meistens. Und darum passiert es dann eben. Also vermutlich und insbesondere wegen unseres Pegels.

Und ja: Ich weiß, dass ich eine fiktive Figur bin. Ich spüre das sogar körperlich, so wie andere Leute Rücken oder schlechtes Gewissen spüren. Und ich merke auch, wie der Autor mich hier wieder in so einen Abend reinschreibt, bei dem man am Ende auf einer Parkbank aufwacht und sich fragt, ob das Leben wirklich so gedacht war. War es nicht. Aber die Arschgeige am Schreibtisch findet sowas „dramaturgisch stark“. Na klar.

Der Abend fängt eigentlich ganz vielversprechend an. Der Brezel-Peter lädt uns ein, ihn bei einer Sache zu unterstützen. Er nimmt sich vor, einen Kiosktest durchzuführen. Der Hape und ich verstehen erst nicht, was das soll. Der Brezel-Peter erklärt dann: Er will die Kioske ablaufen und bei jedem das Getränkeangebot, die Möglichkeit dort gediegen zu verweilen sowie die Länge der Öffnungszeiten testen.

Prima Idee, finden wir zwei Oberdeppen. Der Hape meint gleich, warum da noch niemand vor dem Brezel-Peter drauf gekommen ist. Das sei mega-logisch und eigentlich eine unumstößliche Konsequenz. Also so ein Test.

Ich erinnere den Hape sofort daran, dass man das analog auch auf die Kunst und so übertragen kann. Also auf dieses Ding, dass jeder beim Betrachten von Bildern, speziell abstrakter moderner Kunst, gerne den Ausspruch (oder eher Furz) fahren lässt, dass er das mindestens genauso gut hätte hinwerkeln können und das also nix Besonderes sei. Ich weise darauf hin: Es kommt auf die Idee und das Machen an. Kopieren kann jeder. Auf die Idee kommen und dann in die Umsetzung gehen – das muss der Hape doch als Künstler wissen.

Der Hape weiß das nur zu gut. Auch wenn bei ihm gerade keine Idee auftauchen will. Auch das kennt er nur zu gut. Kreatives Tief nennt er das dann und versucht bisweilen, durch das Zuführen von Substanzen (wie die bereits zu Beginn dieses Textes aufgezählten) das Tief in ein Hoch zu verwandeln. Das klappt mal besser, mal schlechter. Wenn’s klappt, kann der Hape sich am nächsten Tag meistens nicht mehr erinnern, was er da verzapft und sich gegebenenfalls sogar dabei gedacht haben mag. Manchmal kommt aber dann doch etwas Brauchbares heraus.

Also gut, sagt der Brezel-Peter jetzt. Bevor wir starten, wäre noch Zeit für ne Currywurst mit Fritten. Das klingt einleuchtend. Der Brezel-Peter hat heute so eine Messias-Art an sich. Fast Jesus-gleich. Ein Currywurstgott? Vielleicht.

Zum Glück stehen wir da, wo wir eigentlich immer stehen, wenn wir sonst nix mit uns anzufangen wissen: an unserem Stammstehtisch beim Imbiss ums Eck. Beim Schorsch. Wir pfeifen uns also noch ne C-Wurst rein, als Grundlage sozusagen. Dann springt der Brezel-Peter auf, zieht mich, den Hanswurst, und den Hape hinter sich her und peilt den ersten Kiosk an.

Nach kurzer Zeit erreichen wir ihn. Klassischer Kiosk. Großes Leuchtschild über der Tür. Zwei Stehtische auf der Gasse. Der Brezel-Peter weist uns an, an einem der Stehtische zu warten, und betritt den Kiosk. Kurze Zeit später kommt er wieder raus und gesellt sich zu uns.

Ein paar Augenblicke später kommt der Kioskmann hinaus, stellt sich als der Murat vor und platziert an dem Stehtisch, der in seinem früheren Leben mal ein großes Weinfass ist, vier Gedecke: je eine Flasche Bier und ein Schnapsglas, gefüllt mit irgendeinem dickflüssigen roten Getränk.

Das Bier ist handelsüblich. Der Schnaps ist eine Eigenkreation vom Murat. Er nennt es „Fliegender Mexikaner“ oder „Flying Mexican“. Klingt internationaler, beziehungsweise besser, wenn sich das Getränk erst einmal durchgesetzt hat und seinen Siegeszug rund um den Globus antritt, meint der Murat. Er hat sogar schon Ideen für eine Marketingstrategie und ein Markenzeichen. Er bräuchte lediglich die nötigen Kontakte und vielleicht noch einen solventen Investor für diese hieb- und stichfeste Geschäftsidee.

Aber jetzt will er doch mal sehen, wie uns dreien der „Fliegende Mexikaner“ schmeckt, und er hebt sein Glas. Wohl sein oder „Serefe!“

Ich finde: Der „Fliegende Mexikaner“ schmeckt irgendwie leicht seltsam. Also eigentlich ganz gut. Tomate, Chili, Schnaps und irgendwas, das nicht da reingehört. Salz und Pfeffer. Ein pikanter Tomatenschnaps also. Gefällt auch dem Brezel-Peter und dem Hape.

Der Hape fragt den Murat nach diesem komischen Beigeschmack. Der Murat grinst und meint, das sei die fliegende Komponente. Dope. Das sei Dope. Er mischt da halt was rein, sagt er, und ich merke, wie der Autor im Hintergrund kichert, weil er offenbar findet, dass sowas „Milieuschilderung“ ist. Ich nenne das eher: „Wie man zwei erwachsene Männer zuverlässig in die Handlungsunfähigkeit schreibt.“ Aber gut. Ich bin ja nur der Hanswurst. Ich entscheide hier nichts. Der Deppen-Autor schiebt, ich stolpere.

Der Murat findet jedenfalls, das wummst schön, und der Brezel-Peter ist hellauf begeistert. Tipptopp gestartet, findet er. Und als der Hape und ich begeistert zustimmen, schiebt der Murat jedem noch einen „Fliegenden Mexikaner“ vor die Nase. Das kann niemand ablehnen.

Als nächstes Ziel des Abends schlägt der Hape den Kiosk in der Straße seiner Butze vor. Warum nicht, finden wir beiden anderen. Wir schlurfen los, und ich fühle mich tatsächlich leicht. Beinahe wie eine Feder. Als wäre ich eine Wolke und könnte fliegen.

Wie wir so durch die Straßen ziehen (oder fliegen), bahnt sich ein Aufstoß aus den Tiefen meines Magens die Speiseröhre hinauf, zwängt sich am Kehlkopf vorbei und landet schließlich in meiner Mundhöhle. Uhhh. Nicht lecker. Nicht gut. Scharf, tomatig, grasig. Pfuii.

Irgendwann sind wir schon am vierten oder fünften Kiosk und es ist spät am Abend beziehungsweise früh in der Nacht. Zwei Typen schließen sich uns beim letzten oder vorletzten Kiosk an, weil sie die Idee so toll und revolutionär finden. Wir stehen auf der Gasse und diskutieren lautstark die Vorzüge von Spätis im Vergleich zu alteingesessenen Kneipen.

Der Hape meint, die Kioske sollten den Vorzug bekommen, weil man in einer lauen Sommernacht gemütlich auf der Gasse stehen, kaltes Bier genießen und dabei auch noch rauchen kann. Wie geil sei das denn. Da kommt doch keine Kneipe mit.

Der Brezel-Peter meint daraufhin, das stimme, aber das gelte eigentlich nur für Sommer und schönes Wetter und somit ungefähr 320 Tage im Jahr wäre die Kneipe die bessere Wahl.

Ach so. Stimmt. Das sehe ich jetzt auch ein. Außerdem kann man in einer Kneipe auch mal sitzen. Und ich will jetzt noch einen Wein.

Dieser Kiosk ist nämlich so ein Späti, der sich bemüht, seiner Kundschaft stets ein gutes und ausgewogenes Weinsortiment vor- und bereitzuhalten. Ich balanciere fünf Weingläser nach draußen und beobachte dabei, wie der Hape und der Brezel-Peter gerade mit zwei Mitarbeiterinnen vom Ordnungsamt diskutieren.

Nennt man die eigentlich Politessen oder Ordnungstessen? Sagt man überhaupt noch „Tessen“? Keine Ahnung. Das ist nun doch ein Weinchen zu viel oder so.

So viel ich auf die Schnelle mitbekomme, wollen die Ordnungsfrauen, dass wir hier einpacken und uns trollen, weil es schon spät ist, der Kiosk eigentlich keinen Alkohol mehr verkaufen dürfe und sich die Anwohner – egal ob männlich, weiblich oder irgendwas dazwischen – sicherlich auch über ein gewisses Maß an Nachtruhe freuen würden, zumal am morgigen Tag „normale“ Menschen arbeiten müssten.

Der Hape bezeichnet die beiden Frauen als spießige Faschistenordnungsbienen.

Und dann eskaliert irgendwie die Situation.

Die eine zückt ihren Block und beginnt, einen Bußgeldbescheid auszustellen. Die andere fordert die Gruppe lautstark auf, ihre Personalien anzugeben. Der Brezel-Peter taucht in die Schimpftirade ein und sieht es nicht ein, irgendwelchen dahergelaufenen „Ordnungsprostituierten“ seinen Namen und geschweige denn seine Anschrift zu nennen. Und überhaupt: Was wollen die denn schon gegen fünf ausgewachsene Mannsbilder ausrichten? Hm?

Die eine Mitarbeiterin funkt ihn böse, aber bestimmt an, zieht einen Taser aus einem Hüfthalter – der offensichtlich niemandem von uns bisher aufgefallen oder sonderlich interessant vorgekommen ist – und verpasst dem nun erstaunt dreinblickenden Brezel-Peter eine elektrische Ladung mitten in die Brust.

Der Brezel-Peter wackelt und zittert, seine Augen vibrieren irgendwie, und dann kippt er einfach um. Wie ein Baum. Allerdings nicht, ohne den Stehtisch mit sich zu reißen. Flaschen segeln durch die Luft und scheppern laut, als sie auf den Asphalt krachen. Tumult.

Einer der beiden Typen schubst die Taser-Tante einfach um. Der andere rennt weg. Die Taser-Tante schlägt unglücklich mit der rechten Hüfte auf den Bordstein. Die noch stehende Ordnungsamtsfrau setzt dem Flüchtenden nach und versucht dabei ebenfalls, ihren Taser in Schussposition zu bringen.

Der Hape beugt sich runter zum Brezel-Peter. Und ich versuche, ein Weinglas nach dem anderen auszutrinken, so schnell ich kann. Übersprungshandlung? Dagegen ist das hier eine Olympiadisziplin.

Irgendwie schaffen es dann der Hape und ich den Brezel-Peter mit vereinten Kräften fortzubringen.

Denn es kommt, wie es eigentlich immer kommt. Setting bekannt. Irgendeine Parkbank. Ich mit tierischem Schädel, Filmriss und einem pelzigen Geschmack nach totem Nerz im Mund. Wonach schmeckt Nerz? Egal. So muss es sein. Der Autor steht auf sowas. Der Deppen-Autor.

Und die anderen? Ich bin allein. Wo der Brezel-Peter? Wo der Hape? Ach. Auch egal. Die sind selber schon groß.

ENDE

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