Cover der Wurst- und Durstgeschichte „Der Hanswurst und die letzte Kiste“ mit Hanswurst und Getränke-Manni zwischen Getränkekisten und Transporter

Eine letzte Kiste, noch ein Auftrag und danach wirklich Feierabend: Beim Getränke-Manni ist „genug“ allerdings eher eine theoretische Größe. Zwischen Mengenrabatt, Tagungswasser und Dauererreichbarkeit merkt der Hanswurst langsam, dass hier nicht die Kisten das Problem sind.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Holger Eberle
Plus Bonus-Song: Genug ist nicht nichts

Worum geht’s?

Der Getränke-Manni sagt zu jedem Auftrag Ja, kauft mehr, um pro Kiste weniger zu zahlen, und rennt seit morgens durch die Gegend, weil Stillstand für ihn fast bedrohlicher ist als Überarbeitung.

Die Geschichte lesen

Der Getränke-Manni sagt, das sei jetzt wirklich die letzte Kiste. Ich erinnere ihn daran, dass er das vor einer Stunde schon einmal gesagt hat. Das sei die letzte Kiste der vorherigen Lieferung gewesen, erklärt er. Wenn man verschiedene Lieferungen nicht auseinanderhalten könne, brauche man über Logistik nicht zu reden. Ich wollte um zwei beim Schorsch sein, sage ich. Der Getränke-Manni sieht auf seine Uhr. „Das schaffst du.“ Es ist Viertel nach zwei. Dann hätte ich es ja fast geschafft, sagt er.

So redet der Getränke-Manni, wenn er Hilfe braucht. Er verschiebt nicht die Arbeit, sondern die Bedeutung der Uhrzeit. Der Autor hat mich für acht Uhr in diesen Getränkemarkt geschrieben, weil er körperliche Arbeit vermutlich für Figurenentwicklung hält. Würde ist allerdings erstaunlich schwer und enthält meistens zwölf Flaschen.

Seit dem Morgen tragen wir Kisten aus dem Lager in den Transporter und aus dem Transporter in Büros, Vereinsheime und Hinterhöfe. Meine Finger sind rot, das T-Shirt klebt mir zwischen den Schulterblättern. Im Getränkemarkt riecht es nach Pappe, Leergut und dem süßen Rest einer kaputten Limonadenflasche. Der Gang zwischen den Wasserpaletten ist inzwischen so schmal, dass wir uns seitwärts aneinander vorbeischieben müssen.

Ruhiger wird es nie. Das Telefon klingelt, während wir die angeblich letzte Kiste auf die Sackkarre heben. Der Getränke-Manni lässt los, ich nicht, weshalb mir die Kiste gegen das Schienbein kippt. Er sagt dreimal „Ja, kriegen wir hin“, bevor er auflegt und erklärt, wir müssten noch einmal zum Tagungszentrum.

Sie bräuchten acht Kisten Wasser. Ich erinnere ihn an die achtundvierzig vom Vormittag. Es seien vierundsechzig gewesen, korrigiert er, achtundvierzig bestellt und sechzehn Reserve. Als ich frage, warum die Reserve nicht reiche, schüttelt er den Kopf. Die sei nicht zum Trinken da. Wenn man sie trinke, sei sie weg, und dann habe man keine Reserve mehr. Das verstehe sogar ein Laie, sagt er und sieht mich an.

Der Getränke-Manni besitzt einen namenlosen Getränkemarkt und einen Transporter, dessen Schiebetür nur schließt, wenn man gleichzeitig zieht, drückt und flucht. Er beliefert Feiern, Beerdigungen und eine Kaninchenausstellung mit hohem Kräuterlikörverbrauch. Ich helfe ihm hin und wieder, weil er mich bezahlt und ich einmal behauptet habe, ich könne anpacken. Mit der Wahrheit muss man vorsichtig sein. Sie wird gern gegen einen verwendet.

Im Transporter stehen die acht Kisten für das Tagungszentrum und vier Kisten Bier für den Schorsch. Der Getränke-Manni schiebt sie enger zusammen, obwohl auf der Ladefläche noch Platz ist.

Auf der Fahrt erklärt er seinen Mengenrabatt. Er habe achtzig Kisten Mineralwasser mehr abgenommen, damit jede Kiste achtzehn Cent billiger werde. Ich frage, warum er mehr kaufe, um weniger zu bezahlen. „Pro Kiste“, sagt er. Insgesamt bezahle er mehr, sage ich. Insgesamt sei keine kaufmännische Größe, meint der Getränke-Manni. Natürlich sei es das. „Nicht, wenn man wachsen will.“

Ich sehe aus dem Fenster. Wir fahren an einem leer stehenden Möbelhaus vorbei. Auf der Fassade steht noch immer RIESIGE AUSWAHL. Hinter den Scheiben ist nichts.

Das Tagungszentrum am Fluss besteht aus Glas, grauem Stein und Türen, für die man beide Hände braucht. Über dem Eingang hängt ein Banner: WIE VIEL IST GENUG? PERSPEKTIVEN EINER KULTUR DES MASSES. Darunter stehen die Logos einer Bank, eines Energieunternehmens und eines Herstellers von Geländewagen.

An der Laderampe wartet Frau Reuter mit Headset und einem Stoffbeutel, auf dem WENIGER IST MORGEN steht. Sie sieht müde aus, ist aber zu beschäftigt, es zu merken. Wir seien spät, sagt sie. Der Getränke-Manni weist darauf hin, dass sie vor elf Minuten angerufen habe. Das sei in einem laufenden Veranstaltungsbetrieb spät genug, erwidert sie.

Als ich die Schiebetür öffne, fragt Frau Reuter nach der Verteilung des Wassers. Vier Kisten still, vier medium, sagt der Getränke-Manni. Sie habe fünf und drei verlangt, weil die Menschen auf dem Podium still bevorzugten. Der Getränke-Manni fragt, ob man eine Kiste innerhalb des Gebäudes umwidmen könne. Frau Reuter denkt darüber ernsthaft nach.

Wir tragen die Kisten in einen kühlen Flur voller Aufsteller. Auf einem steht WOHLSTAND NEU DENKEN. Aus dem Saal hören wir einen Mann über freiwillige Selbstbegrenzung sprechen. Wir müssten das Vorhandene wieder als ausreichend erkennen, sagt er. Frau Reuter stellt währenddessen drei Kisten um, damit die Etiketten nach vorn zeigen.

Zum Abschied lässt sich Frau Reuter noch einmal die Handynummer vom Getränke-Manni geben. Sie wolle sichergehen, dass er erreichbar sei. Er sagt, er sei immer erreichbar. Damit ist sie zufrieden.

Auf dem Rückweg klingelt das Telefon noch vor der ersten Ampel. Ein Tennisverein braucht zwölf Kisten Bier, heute noch. Der Getränke-Manni sagt, das kriegen wir hin. Ich zähle ihm vor, dass auf die letzte Kiste erst acht und nun zwölf weitere gefolgt sind. Das Wort verliert bei ihm jede Bedeutung. Ein Auftrag sei kein Wort, erklärt er, außerdem liege der Tennisverein fast auf dem Weg zum Getränkemarkt. Der liege in der entgegengesetzten Richtung, sage ich. Der Getränkemarkt sei von überall aus irgendwann auf dem Weg, sofern man danach dorthin fahre.

Am Getränkemarkt wartet ein Mann in einem weißen Poloshirt. Er braucht inzwischen fünfzehn Kisten, handelt einen Rabatt aus und möchte alles geliefert haben, weil sein Kofferraum frisch ausgesaugt sei. Der Getränke-Manni sagt zu allem Ja. Beim Einladen frage ich, was er daran verdiene. Das könne man nicht so genau rechnen, entscheidend sei, dass der Kunde wiederkomme. Wenn er bei jedem Besuch draufzahle, wäre es besser, der Kunde bliebe weg, sage ich. Dann gehe der zum großen Getränkefritzen im Gewerbegebiet. „Dann werd doch kleiner.“ Der Getränke-Manni hält mit einer Kiste vor dem Bauch inne. „Kleiner ist man hinterher von allein“, sagt er und schiebt sie in den Wagen.

Im Vereinsheim stehen schon drei Kühlschränke voller Getränke. Der Mann im Poloshirt erklärt, das sei Altbestand für den normalen Spielbetrieb, unsere Lieferung sei für das Sommerfest. Der Getränke-Manni trägt inzwischen hastiger, nicht kräftiger. Einmal bleibt er an einer Türschwelle hängen. Die Flaschen schlagen gegeneinander, keine zerbricht. Er sagt sofort, alles gut. Niemand hat gefragt.

Auf der Rückfahrt sage ich, jetzt sei Schluss. Klar, antwortet der Getränke-Manni, nur noch die vier Kisten zum Schorsch. Die könne der Schorsch am Dienstag bekommen, sage ich, montags habe er schließlich Ruhetag. Dienstags brauche der Schorsch das Bier nicht mehr, weil er es am Wochenende verkaufen wolle. Ich weise darauf hin, dass das Wochenende bereits stattfinde. Genau deshalb sei es so dringend, erklärt der Getränke-Manni.

Seine Finger zittern leicht am Lenkrad. An der nächsten roten Ampel macht er das Radio an. Eine Frau singt, dass sie alles haben könne. Der Getränke-Manni schaltet wieder aus.

Ich frage, wann er zuletzt etwas gegessen habe. Das spiele keine Rolle, sagt er und findet im Ablagefach einen zerdrückten Müsliriegel. Den könne man teilen. Ich sage, wir könnten auch anhalten und etwas Richtiges essen. Zum Anhalten müsse man Zeit haben. „Du hast Zeit. Du tust nur so, als sei sie schon verkauft.“ Der Getränke-Manni sagt nichts. Das ist selten. Normalerweise verteidigt er jeden Unsinn sofort, damit er nicht kalt wird.

Beim Schorsch ist am frühen Abend Betrieb. Der Hape steht an unserem Lieblingsstehstammtisch und zeichnet Kreise auf eine Serviette. Wir tragen die vier Kisten ins Lager und bekommen zwei Currywürste. Ich setze mich, obwohl es im Imbiss nur drei Hocker gibt und Sitzen dort schnell nach Krankheit aussieht.

Der Getränke-Manni isst drei Gabeln, dann klingelt sein Telefon. Er geht hinaus. Durch die Scheibe sehe ich ihn nicken. Dem Hape erzähle ich vom Kongress, der Reserve und den achtzig Kisten, die billiger geworden sind, weil der Getränke-Manni mehr Geld dafür ausgegeben hat. Der Hape findet, das sei eine Arbeit über Wachstum: Man stelle immer mehr Kisten in einen Raum, bis kein Mensch mehr hineinpasst, und nenne den Raum Wohlstand. Außerdem sei der Getränke-Manni vermutlich Nutznießer des Getränkesystems. So nenne der Bundeskanzler neuerdings sogar Menschen, die in einem System arbeiteten und dafür bezahlt würden. Ich sage, Nutznießer sei ein Wort mit Krawatte. Es klinge höflich und denke insgeheim Schmarotzer. Wenn das Schule mache, sei der Schorsch Nutznießer des Hungers, der Getränke-Manni Nutznießer des Durstes und ich Nutznießer des Autors. Der Schorsch streut Currypulver über eine Wurst und sagt, ich solle mich nicht wichtiger machen, als ich sei. Dann wendet er sich an den Hape und meint, der solle das mit dem Wohlstand ebenfalls nicht als seine Idee ausgeben. So sehe jeder Getränkemarkt aus.

Der Getränke-Manni kommt zurück und sagt, wir müssten noch einmal zum Tagungszentrum. Von den angemeldeten dreihundert Menschen seien nur zweiundsechzig gekommen. Der Rest habe abgesagt oder online teilgenommen. Online trinke jeder sein eigenes Wasser, sagt er und klingt beinahe persönlich gekränkt. Frau Reuter wolle fast alle Kisten zurückgeben, bezahlt werde nur, was verbraucht worden sei. Er habe zugesagt, weil solche Veranstaltungen Folgeaufträge brächten. „Offenbar vor allem Folgefahrten“, sage ich.

Er hebt den Schlüssel und fragt, ob ich komme. „Nein.“ Die warteten aber. Dann sollten sie warten, antworte ich. Das sei auch eine Strategie für eine Kultur des Maßes.

Der Getränke-Manni steht zwischen Tür und Stehtisch. Draußen läuft der Transporter mit Warnblinker und eingeschaltetem Motor. Frau Reuter habe keinen Lagerraum, sagt er. Er selbst habe auch keinen, antworte ich, in seinem Getränkemarkt könne man sich kaum noch drehen. Dann stapelten wir eben höher. Und danach? Danach sei Sonntag. „Und Sonntag?“ Da mache er Inventur.

Der Hape hört auf, Kreise zu zeichnen. Der Schorsch legt die Zange neben den Grill und fragt den Getränke-Manni, ob er noch einmal losmüsse. Der beginnt mit Kundenbindung, Energiekosten und dem Getränkefritzen im Gewerbegebiet. „Musst du?“, fragt der Schorsch noch einmal. Der Getränke-Manni sieht auf seine kalt werdende Currywurst. „Nein“, sagt er schließlich.

Ich frage, warum er dann seit acht Uhr herumrenne, als käme gleich einer und nähme ihm den Laden weg. Der Getränke-Manni setzt sich auf den zweiten Hocker. Nun sehen wir beide krank aus. Wenn er einen Auftrag ablehne, sagt er, sei der Auftrag eben weg. Das sei der Sinn des Ablehnens, antworte ich. Genau das meine er nicht.

Wenn im Laden nichts mehr zu tun sei, fahre er nach Hause. Dort öffne er den Kühlschrank, obwohl nichts Neues darin liege, und höre zu, wie das Ding summt. Nach zehn Minuten falle ihm ein, dass er im Lager noch Leergut sortieren könne. Also fahre er zurück. Dort stehe immer eine Kiste falsch. Wenn dort keine falsch stehe, kontrolliere er die Preise oder wische den Boden. Danach klingele meistens wieder das Telefon. Er sieht uns dabei nicht an. „Und dann brauchst du mich“, sage ich. Manchmal, antwortet er, damit es schneller gehe. Dann sei er doch früher fertig. „So genau darf man das nicht sehen.“

Der Hape sieht auf die Kreise vor sich und sagt, fertig zu sein sei schließlich auch ein Zustand. Der Schorsch meint, nicht jeder Zustand müsse gleich ein Lebensmodell werden.

Ich warte darauf, dass der Autor mir etwas Brauchbares in den Kopf schreibt. Es kommt nichts. Zum ersten Mal an diesem Tag bin ich ihm dafür dankbar.

Ich sage dem Getränke-Manni, er solle Frau Reuter auf Montag vertrösten. Er ruft an. Ihre Stimme hören wir auch ohne Lautsprecher. Zweimal sagt er, das verstehe er. Beim dritten Mal sagt er, heute gehe es nicht mehr. Danach hört er eine Weile zu. „Montag um neun“, sagt er schließlich und legt auf. „Jetzt hab ich Montag um neun schon wieder einen Termin.“

Der Schorsch tauscht die kalte Currywurst gegen eine neue und holt Bier. Der Getränke-Manni betrachtet die Flasche lange. Vermutlich rechnet er nicht mit Preisen, sondern mit Minuten. Schließlich fragt er, wie lange so ein Feierabend dauere. „Kommt drauf an“, sage ich. „Wenn man ihn richtig macht, bis morgen.“ Der Hape erklärt, streng genommen dauere ein Feierabend bis zum nächsten Arbeitsbeginn. Der Schorsch meint, bei uns dauere überhaupt nichts, weil wir jedes einfache Gespräch zerredeten. Dann überlegt er laut, ob das Bier noch für Dienstag reicht.

Sofort greift der Getränke-Manni in die Jackentasche. Ich lege die Hand auf seinen Arm. Für heute sei genug da, sagt der Schorsch. Nicht viel, aber genug. Wenn es leer sei, gebe es eben nichts mehr. Was aber sei, wenn einer noch eins wolle, fragt der Getränke-Manni. „Dann will er noch eins“, antwortet der Schorsch. „Das ist sein Problem.“

Eine Weile geschieht nichts. Dann steht der Getränke-Manni auf. Für einen Moment glaube ich, er fahre doch noch los, aber er geht nur hinaus und schaltet den Motor seines Transporters ab. Als er zurückkommt, setzt er sich wieder auf den Hocker, nimmt einen Schluck und stellt die Flasche vorsichtig auf den Tisch. „Die kann ich aber nicht halb stehen lassen“, sagt er. Ich sage, das verlange auch keiner. Er trinkt langsam aus. Wir essen, und zum ersten Mal an diesem Tag holt keiner Nachschub.

ENDE

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