
Vier Männer fahren in die Metro, um Currywurst, Frittieröl und Servietten zu kaufen. Zurück kommen sie mit Merlot-Erfahrung, einem pinken Karaoke-Mikro, einem Glockenspiel, 25 Kilo Mayonnaise und der ernsthaften Überlegung, ob ein Lama zum Imbisskonzept passen könnte.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Katharina Biebl
Plus Bonus-Song: Eben noch zufrieden
Worum geht’s?
Der Hanswurst, der Hape, der Schorsch und der Getränke-Manni wollen eigentlich nur den Imbiss-Nachschub besorgen. Im Großmarkt zerstreut sich die Truppe allerdings zuverlässig zwischen Probierständen, Karaoke und vollkommen unnötigen Sonderangeboten…
Die Geschichte lesen
Also eigentlich wollen wir nur Currywurstnachschub besorgen. Also der Schorsch will das. Ich komme ja nur mit, weil der Hape sagt, man könnte unterwegs philosophieren und Gratiswürfelkäse essen. Und weil der Getränke-Manni meint, er müsste sowieso hin, und ob wir drei nicht seine Palette Schulungsbier aufladen könnten, weil sein Rücken zwickt seit dem letzten Wasserkastentetris. Ich persönlich hätte an diesem Vormittag auch gut an meinem Lieblingsstammstehtisch stehen und in Ruhe eine Wurst betrachten können. Aber ich bin nun mal eine fiktive Figur, und wenn der Autor meint, mich in einen Getränkelieferwagen zur Metro schreiben zu müssen, dann sitze ich eben da. Der Depp hat ja den Stift in der Hand. Leider.
Und so sitzen wir im Getränkelieferwagen vom Manni. Der fährt wie ein Henker mit Navi-Allergie, während hinten der Hape wie eine Salatgurke im Schleudergang rumwackelt und der Schorsch sich über das Radio aufregt, weil es statt Rockmusik nur noch Tiergeräusche von sich gibt. Das ist übrigens meine Schuld, weil ich versehentlich auf den Knopf mit dem Papageiensymbol gedrückt habe. Wobei: Meine Schuld ist relativ. Wenn einer eine fiktive Figur so nah an einen Knopf mit Papageiensymbol schreibt, dann ist der eigentliche Knopfdrücker ja wohl der Autor. Also die Arschgeige mit Dramaturgiebedarf.
„Das ist kein Radio, das ist eine Vogelvoliere auf Acid!“, ruft der Schorsch. Ich sag lieber nix. Ich bin ja nur Beifahrer. Und literarisch betrachtet sowieso nur Passagier in einem Text, der offenbar keine Abfahrt ohne Blödsinn kennt.
Am Metro-Eingang schaut der Sicherheitsmann finster. Wir schauen finster zurück. Dann sagt er: „Karte?“ und der Schorsch zeigt stolz seine „Catering für kirchliche Ereignisse“-Karte mit einem Foto, auf dem er aussieht wie ein mitternächtlicher Weihnachtsmutant.
Drinnen riecht es sofort nach allem. Also wirklich ALLEM. Nach Ananas in Plastik. Nach Plastikananas. Nach Großmachtfantasien mit Gabelstaplerballett. Und nach Kaffeepads mit Duftnote „Zweiter Herbst“.
„Hanswurst, hier riecht’s wie bei deiner Tante Frieda unterm Spülbecken!“, ruft der Hape und klatscht begeistert in die Hände.
Wir brauchen:
- 40 Liter Frittieröl
- 7.000 Servietten
- Currywürste. Viele.
- einen Bluetooth-Lautsprecher, der nicht klingt wie eine kaputte Ukulele
- und vielleicht auch ein Lama, wenn’s im Angebot ist
Letzteres steht nicht auf der Liste, aber der Schorsch hat mal wieder geträumt, dass er ein Imbisskonzept mit tiergestützter Wursttherapie entwickeln möchte. Das Lama hieße dann „Senne“ und dürfte neben dem Grill stehen und mit den Ohren wackeln, wenn ein guter Song läuft. Zum Beispiel was von Roland Kaiser. Ich weiß nicht, welcher Autor morgens aufsteht und denkt: Heute schreibe ich meinem Imbisswirt ein Lama in die Geschäftsstrategie. Und den Roland Kaiser. Aber gut. Manche Menschen trinken Kaffee. Andere richten Schaden in Word-Dateien an.
Wir verlieren uns. Also wir verlieren uns im Sinne von: Der Manni sieht Käse und rast los. Der Hape bleibt am Biogewürzregal stehen, um die Aura von Kurkuma zu studieren. Und ich… na ja… ich steh da und halte einen Eimer mit 25 Kilo Mayonnaise. Warum? Keine Ahnung. Er ist im Angebot. Und weil der Autor offenbar findet, dass mein Leben an Tiefe gewinnt, wenn ich einen Mayonnaise-Eimer trage. Da möchte man der Arschgeige doch kurz die Kundenkarte entziehen.
Plötzlich hör ich irgendwo hinten ein Echo von „Hello again…“, und ich weiß: Der Schorsch hat wieder ein Mikrofon gefunden. Das ist wie bei Eichhörnchen mit Nüssen. Sobald irgendwo ein Karaoke-Mikro liegt, ist der Schorsch drauf wie eine Wespe auf Currysoße. Und ich bin drauf wie eine Figur, die ahnt, dass sie gleich wieder hinterhergeschickt wird, weil irgendein erzählerischer Depp Spannung mit Bewegung verwechselt.
Ich renn ihm nach. Also nicht rennen im olympischen Sinne. Mehr so ein beschleunigter Wurstmarsch. Auch das ist so eine Gemeinheit des Autors: Er weiß genau, dass ich keine Figur für dynamische Verfolgungsszenen bin. Ich bin eher für Stehtisch, Diagnoseblick und Pommesgabel gemacht.
Da steht er. Zwischen Dosenananas und dem Neonlicht, das alle aussehen lässt wie Schauspieler in einem schlechten Krankenhausfilm. Und singt. Mit einem pinken Mikro in der Hand, das mehr glitzert als eine Unterhose auf einer Helene-Fischer-Tour.
„Schorsch, komm jetzt! Wir müssen die Würste holen!“
„Nur noch eine Strophe! Dann holen wir ALLE Würste!“
Ich geb auf. Stattdessen finde ich den Manni bei einem Probierstand für Merlot-in-Kanistern. Neben ihm liegt ein leerer Kaffeebecher mit Aufdruck „Sommelierschulung für Quereinsteiger“. Er hat’s ernst genommen.
„Der Käse war gut“, sagt er.
„Das war Merlot.“
„Ach so.“
Der Hape kommt auch irgendwann wieder. Mit einem Miniaturglockenspiel in der Hand, das angeblich nur in Finnland produziert wird und „die Klangfarbe von Einsamkeit“ hat. Ich sag: „Warum?“ und er sagt: „Kunst.“ Und ich denke: Ja gut, da kann man nichts machen. Kunst ist beim Hape immer die Abkürzung für: Der Autor wollte noch ein Requisit, das keiner braucht, aber alle ernst nehmen müssen.
Dann, kurz vor der Kasse, passiert’s: Der Schorsch verschwindet. Wieder. Natürlich verschwindet er wieder. Weil der Autor, dieser Spannungspraktikant, offenbar glaubt, dass Einkaufen erst Literatur wird, wenn ein Imbisswirt in der Tierbedarfsecke verloren geht.
Der Manni murmelt: „Nicht schon wieder…“
Ich sage: „Vielleicht hat er sich in der Konservenabteilung festgesungen.“
Wir finden ihn schließlich in der bereits erwähnten Tierbedarfsecke. In der Hand: ein Prospekt für Alpakahaltung. Sein Blick ist verklärt. Ich weiß jetzt schon: Das Thema „Senne, das Lama“ ist noch nicht durch. Und ich weiß auch: Wenn ich nicht aufpasse, stehe ich im nächsten Absatz mit einem Sack Spezialfutter an der Kasse und darf innerlich monologisieren. So funktioniert das nämlich, wenn man in einer Geschichte wohnt, deren Autor bei Metro-Angeboten die literarische Beherrschung verliert.
„Lama kostet aber 2.500 Euro“, sag ich vorsichtig.
„Ich nehm erst mal das Mikro“, sagt der Schorsch und drückt auf einen Knopf.
„Jaaaaaaa, hallooooo, hallooooooo…“
„Wie lange hält der Akku?“, fragt der Hape.
„Lang genug, um das gesamte Helene-Fischer-Album zu covern“, sagt der Manni.
Ich sag: „Oh Gott.“
Wir zahlen. Der Manni vergisst seine Quittung. Der Hape fragt, ob er mit den leeren Kartons Kunst machen darf. Der Schorsch summt noch „Ti Amo“, obwohl er die Hälfte der Wörter mit Wurstnamen ersetzt hat. Ich würde gern sagen, wir fahren danach würdevoll nach Hause. Aber Würde ist in dieser Geschichte ungefähr so verfügbar wie ein Lama im Kühlregal: theoretisch denkbar, praktisch schwierig.
Und ich? Ich fahr vorne mit, esse ein Probierkäsewürfelchen, das ich in der Jackentasche gefunden habe, und frage mich, ob ich als fiktive Figur in dieser Geschichte jetzt eigentlich für die Mayonnaise verantwortlich bin oder ob der Autor das wieder mal einfach in die Geschichte geschrieben hat, ohne mich zu fragen. Natürlich hat er. Dieser Einkaufslistenpoet. Dieser Großmarkt-Kasper mit Tastatur. Ich wäre für weniger Mayonnaise und mehr Selbstbestimmung gewesen, aber mich fragt ja keiner. Mich schreibt man nur irgendwo rein, gibt mir einen Eimer und nennt das Charakterentwicklung.
Spoiler: Hat er. Der Depp.
ENDE