Cover der Wurst- und Durstgeschichte „Der Hanswurst und später“ mit Hanswurst allein am Küchentisch und einer alten Umzugskiste mit der Aufschrift „SPÄTER“

Eine Kiste unter dem Regal, drei alte Adressaufkleber und ein einziges Wort: SPÄTER. Als der Hanswurst sie öffnet, findet er darin nicht nur Zeug aus früheren Wohnungen, sondern ziemlich viele Dinge, die er irgendwann einmal machen wollte.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Michael Elze
Plus Bonus-Song: Nicht heute

Worum geht’s?

Allein zu Hause stößt der Hanswurst auf einen Karton voller aufgeschobener Pläne, verpasster Möglichkeiten und eines Besuchs, für den irgendwann keine Zeit mehr war. Dabei merkt er, dass der Autor vielleicht nicht an allem schuld ist. Manche Ausreden hat der Hanswurst ganz allein erfunden. Die große Läuterung bleibt trotzdem aus: Die Kiste kommt wieder unters Regal. Nur ganz so unschuldig ist das Wort später danach nicht mehr.

Die Geschichte lesen

Ich bin zu Hause, und allein das ist schon verdächtig.

Normalerweise setzt mich der Autor in den Imbiss ums Eck, wo der Schorsch hinter seinem Grill steht, der Hape am Lieblingsstehstammtisch Kunst erfindet und ich eine Currywurst vor mir habe. Dort funktioniert mein Leben. Es zischt, riecht nach Fett, jemand redet, jemand widerspricht, und wenn es im eigenen Kopf ungemütlich wird, ist immer noch die Soße schuld.

Hier gibt es nur den Kühlschrank. Er brummt hinter mir, schweigt wieder und springt nach einer Weile erneut an. Auf dem Küchentisch steht eine Pappschale vom Schorsch. Die Currywurst ist lauwarm, das Bier daneben schwitzt schon nicht mehr.

Meine Wohnung ist nicht dreckig. Sie sieht nur aus, als wäre ich vor drei Wochen eingezogen und hätte den Rest auf später verschoben. Im Flur lehnt ein gerahmtes Bild an der Wand, über dem Küchentisch hängt eine nackte Glühbirne, am Regal fehlt ein Brett.

Irgendwann.

Ein gutes Wort. Es klingt nach Zukunft, ohne einen Termin zu verlangen.

Im dunklen Küchenfenster sehe ich die lockigen schwarz-graumelierten Haare, den Bart und einen Mann in den mittleren Jahren, wobei „mittlere Jahre“ auch davon lebt, dass keiner nachrechnet. Wahrscheinlich hat mich der Autor aus dramaturgischen Gründen nach Hause geschrieben. Erst jahrelang Currywurst, dann plötzlich Innenleben.

Diese Arschgeige.

Als ich die Pappschale zum Mülleimer bringen will, stoße ich mit dem Fuß gegen eine Kiste unter dem Regal. Brauner Karton, eingedrückte Ecke, mehrere Lagen Paketband. Auf der Seite steht mit schwarzem Filzstift ein einziges Wort.

SPÄTER.

Meine Handschrift.

Mit dem Küchenmesser schneide ich durch das Paketband. Die Hand führt die Klinge sauber an der Kante entlang, und für einen Moment ist da diese alte Sicherheit aus der Metzgerzeit, die im Körper geblieben ist, obwohl ich den Rest längst abgelegt habe. Manche Dinge vergessen die Hände nicht. Der Kopf ist flexibler.

Oben liegen ein Pullover, ein Aschenbecher, zwei Bücher, ein alter Digitalwecker, eine Tasse mit Sprung und meine alte Metzgerschürze. Ich streiche über einen dunklen Fettfleck und denke daran, wie gern ich sage, dass ich mal Metzger gelernt habe. Das klingt nach einem ordentlichen Anfang, mit dem man den Rest ungenau erzählen kann.

Warum ich aufgehört habe? Hat nicht gepasst. War nicht meins. Dann kam anderes dazwischen. Das Leben eben. Das Leben ist hervorragend als Täter geeignet. Es kann sich nicht wehren.

Unter der Schürze liegen Fotos. Auf einem stehe ich vor einer Wohnungstür, jünger, schmaler, weniger Grau im Haar. Neben mir stapeln sich Umzugskartons. Auf einem steht: SPÄTER. Das Datum auf der Rückseite ist zwölf Jahre her.

Erst jetzt ziehe ich die Kiste ganz hervor. Auf der Seite klebt ein vergilbter Adressaufkleber. Darunter schiebt sich der Rand eines zweiten hervor, darunter noch einer.

Drei Adressen. Drei Wohnungen. Dieselbe Kiste.

Ich habe sie nicht vergessen. Vergessen wäre etwas, das einem passiert. Ich dagegen habe diesen Karton mehrfach Treppen hinunter und wieder hinaufgetragen, von Wohnung zu Wohnung. Jedes Mal war offenbar nicht der richtige Moment.

Mein Telefon vibriert. Der Hape schreibt: KOMMSTE NOCH?

Normalerweise würde ich gehen. Beim Schorsch wäre Licht, der Hape würde Unsinn erzählen, und nach dem zweiten Bier wäre der Karton wieder klein genug, um unter ein Regal zu passen.

Ich drehe das Telefon um.

Ganz unten liegt ein schwarzes Notizbuch. Auf der ersten Seite steht mein Name. Nicht Hanswurst, sondern der andere, der echte, den der Autor nie braucht. Für diese Geschichten reicht Hanswurst. Ein Hanswurst darf scheitern, solange es unterhaltsam bleibt.

Die ersten Seiten enthalten Arbeitszeiten, Telefonnummern und Einkaufslisten. Dann kommt eine Seite, auf der ich offenbar versucht habe, mein Leben in Stichpunkten zu reparieren.

Wohnung suchen.
Beim Betrieb anrufen.
Weniger trinken unter der Woche.
Papa besuchen.
Regal aufbauen.
Nicht immer alles verschieben.

Bei „Papa besuchen“ bleibt mein Blick hängen. Ich weiß nicht mehr, wann ich das geschrieben habe. Ich weiß nur, dass es irgendwann keinen Grund mehr gab, den Satz noch einmal auf eine Liste zu setzen.

Manche Dinge erledigen sich nicht. Sie hören nur auf, möglich zu sein.

Der Kühlschrank springt an. Im Haus rauscht Wasser durch ein Rohr. Kein Schurke steht im Flur, niemand droht mir, nicht mal der Brezel-Peter taucht auf. Genau das macht die Sache unangenehm.

„Das ist billig“, sage ich in die Küche und meine den Autor. Alte Kiste, tote Möglichkeiten, nackte Glühbirne. Fehlt nur noch Regen am Fenster, dann können wir die Literatur auch direkt beantragen.

Es antwortet niemand.

Sonst stört mich das nicht. Ich beschimpfe den Autor, er schweigt. Er entscheidet, wohin ich gehe, und ich erkläre, dass ich andere Pläne gehabt hätte. Ein Vertrag, den ich nie gesehen habe und auf den ich mich trotzdem dauernd berufe.

Im Flur lehnt noch immer das Bild an der Wand. Ich wollte es erst aufhängen, wenn gestrichen ist. Streichen wollte ich, sobald ich wusste, ob ich hierbleibe. Eine Lampe wollte ich kaufen, wenn ich eine finde, die wirklich passt. Plötzlich fällt mir auf, wie viele Dinge in dieser Wohnung auf ihre richtige Version warten.

Vielleicht auch ich.

Ich habe mir nie gesagt, dass ich perfekt sein muss. So einen Quatsch würde ich nicht mal betrunken sagen. Perfektion ist etwas für Menschen mit Tagesplaner und sortierten Gewürzschubladen. Aber vielleicht habe ich auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, an dem alles ein bisschen besser zusammenpasst: die Arbeit, die Wohnung, das Geld, der Kopf. Erst dann hätte ich anfangen können, es richtig zu machen.

Nur kam dieser Zeitpunkt nicht. Stattdessen wurde aus vorläufig irgendwann normal.

Mir wäre ein großes Geheimnis lieber, irgendeine Schuld mit einem klaren Grund. Stattdessen liegt vor mir nur das Kleingeld der Versäumnisse: ein nicht geführtes Gespräch, ein nicht aufgehängtes Bild, ein Besuch, für den immer noch Zeit war.

Dies und das kamen dazwischen. Dies und das. Meine zuverlässigsten Mitarbeiter.

Ich blättere weiter und finde neben einer Telefonnummer den Namen einer kleinen Metzgerei. Den Laden gibt es nicht mehr. An den Mann am Telefon erinnere ich mich trotzdem. Er hatte gesagt, ich solle einfach vorbeikommen, vielleicht könne man etwas machen. Damals dachte ich, ich müsse vorher meinen Lebenslauf ordentlich schreiben.

Den Lebenslauf habe ich nie geschrieben.

Sofort kommt der Gedanke an den Autor. Der hat mich eben nicht hingehen lassen. Der brauchte mich wahrscheinlich im Imbiss. Für einen Hanswurst ist kein ordentlicher Lebenslauf vorgesehen.

Der Satz sitzt bequem.

Und diesmal merke ich es.

Vielleicht bestimmt der Autor tatsächlich, wohin ich in diesen Geschichten gehe. Ich bin schließlich eine fiktive Figur. Aber ich habe ihm auch Dinge untergeschoben, die gar nicht in seinen Sätzen standen, Dinge zwischen zwei Geschichten, über die niemand schreibt.

Der Autor hat mich vielleicht zum Schorsch geschickt.

Aber er hat nicht SPÄTER auf den Karton geschrieben.

Das war ich.

Der Gedanke trifft mich nicht wie ein Schlag. Er setzt sich einfach zu mir.

Vielleicht ist der Autor nicht meine Gefangenschaft.

Vielleicht ist er meine Lieblingsausrede.

Wenn der Autor mich in den Imbiss schreibt, muss ich nicht erklären, warum ich dort so gern bleibe. Wenn er mir keine geregelte Arbeit gibt, muss ich nicht sagen, wann ich zuletzt ernsthaft versucht habe, eine zu finden. Wenn er mich scheitern lässt, brauche ich nie herauszufinden, was passiert wäre, wenn ich etwas lange genug ausgehalten hätte, damit es schwierig wird.

Und wenn er eine Arschgeige ist, kann ich ein Hanswurst bleiben.

Ich nehme einen Schluck Bier. Es ist zu warm, aber nicht ungenießbar. Auch das passt mir nicht. Ich hätte gern, dass wenigstens irgendetwas an diesem Abend eindeutig schlecht ist.

Das Telefon vibriert erneut. Eine Sprachnachricht vom Hape. Ich höre sie nicht ab. Ich könnte jetzt hingehen. Niemand hält mich fest.

Auch der Autor nicht. Jedenfalls gerade nicht.

Ich bleibe trotzdem sitzen.

In der Kiste liegt der schwarze Filzstift. Ich nehme ihn heraus und drehe ihn zwischen den Fingern. Auf dem Karton wartet das Wort SPÄTER, als hätte es alle Zeit der Welt.

Man könnte es durchstreichen und JETZT daneben schreiben. Das Bild aufhängen. Morgen eine Lampe kaufen. Einen Lebenslauf schreiben. Irgendwen anrufen. Geschichten mögen solche Momente. Einer erkennt etwas, steht auf und wird ein anderer. Vorher, nachher. Entwicklung. Sehr ordentlich.

Ich setze den Stift an und halte inne.

Vielleicht wäre das nur die nächste perfekte Version von mir, auf die ich warten könnte. Der Hanswurst, der endlich alles verstanden hat und ab morgen sein Leben in den Griff bekommt. Auch so einer kann einem jahrelang im Weg stehen.

Also schreibe ich nichts.

Die Schürze kommt zurück in die Kiste, danach die Fotos, der Wecker und die Tasse. Das Notizbuch lege ich obenauf. Ich klebe den Karton nicht wieder zu, schiebe ihn aber unter das Regal, genau an die Stelle, an der er vorher gestanden hat.

Dann bleibe ich am Küchentisch sitzen. Über mir hängt die nackte Birne, im Flur wartet das Bild auf einen Nagel, der Kühlschrank brummt, und meine Wohnung sieht wieder aus wie vor einer Stunde.

Morgen stehe ich vielleicht beim Schorsch. Wahrscheinlich sogar. Der Hape wird neben mir stehen, vor mir Currywurst und Bier, und irgendwann werde ich sagen, dass der Autor mich schon wieder dorthin geschrieben hat. Dann werden wahrscheinlich alle lachen. Ich vielleicht auch.

Nur werde ich ab jetzt wissen, dass manche Sätze wahr sein können und trotzdem Ausreden bleiben.

Und dass auf der Kiste unter meinem Regal nicht die Handschrift des Autors steht.

ENDE

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